Musikalische Transferprozesse zwischen Byzanz und dem Westenn

FWF-Einzelprojekt
Projektleiter: Nina-Maria WANEK
E-Mail: nmwanek@gruene-eule.at

Projektbeginn: 1.3.2015
Projektende: 29.2.2020

 

Mit dem Terminus "Missa graeca" werden Gesänge (Gloria/Δόξα [Doxa], Credo/Πιστεύω [Pisteuo], Sanctus/Αγιος [Hagios] und Agnus Dei/Αμνός τού θεού [Amnos tu theu] des römischen Ordinarium missae mit griechischem Text in lateinischer Transliterierung bzw. Übersetzung bezeichnet, die sich in westlichen Coralhandschriften des 9. bis 11. Jhds. finden. Neben der Missa graeca gibt es noch eine große Zahl an weiteren bilingualen griechisch-lateinischen Gesängen, die in westlichen Handschriften enthalten sind und bislang noch nicht in Bezug zu dieser gesetzt wurden. Dazu zählen u.a. die Gesänge der Kreuzverehrung am Karfreitag, die Hodie-Antiphone von Weihnachten, Ostern und Pfingsten, die zweisprachigen Alleluia-Verse für Weihnachten, die Antiphone des sog. Veterem hominem-Zyklus' für die Epiphanie-Oktave und der Cherubimhymnus ("Cherubikon"). 

Zel des Projektes ist es, einer Lösung der zahlreichen Fragen und widersprüchlichen Theorien zu Herkunft, Entstehung und Ausformung der sog. MIssa graeca und jener bilingualen griechisch-lateinischen Gesänge, die sich neumiert ebenfalls in westlichen Handschriften finden, einen signifikanten Schritt näher zu kommen: Dabei zielt das Projekt konkret darauf ab, den seit langem ausstehenden direkten Vergleich von liturgischen Gesängen des Ostens und Westens zu erbringen, um derart neue Erkennntnisse zu gemeinsamen Wurzeln und Ausformungen der liturgischen Musik Byzanz' und des Westens zu gewinnen und neue Perspektiven des Transfers zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen im Mittelalter aufzuzeigen. 

Auf der Basis eigener TRanskriptionen und Analysen wird das Projekt erstmalig - da es bislang lediglich Studien zu einzelnen Aspekten dieses Themenkomplexes gibt - eine Gesamtschau zur Missa graeca und den bilingualen Gesängen in einer eigenen Monographie bringen, die weiteren Forschungen als Ausgangspunkt und fundiertes Nachschlagwerk dienen soll. 

Ziel des Projekts ist es weiters, die relevanten Fragestellungen zu griechischen Gesängen in lateinischen Handschriften erstmals aus byzantinistischer Sicht und unter Heranziehung byzantinischer Quellen zu hinterfragen und neu zu bewerten - bislang wurden diese Forschungen nämlich fast ausschließlich von westlicher Seite aus betrieben. Mithilfe diese neuen Zugangs will das Projekt weiters belegen, dass die Erforschung byzantinischer Musik bedeutende Aufschlüsse für die westliche liturgische Musik bringen kann. Das Projekt ist daher insofern von großer Bedeutung, als es einen wichtigen Beitrag leisten wird, um die byzantinische Musikologie, die noch immer eine Randstellung innehat, verstärkt in den Kanon der europäischen, historischen Musikwissenschaft einzugliedern.